im Rahmen des Projektes Schriftspracherwerb gehörloser Menschen zur Förderung inklusiver Teilhabe am Arbeitsmarkt

Können die meisten Gehörlosen nicht schon Deutsch lesen und schreiben?

Leider nicht. Vielen Gehörlosen fällt das Lesen und Schreiben der deutschen Schriftsprache schwer. Das ist darauf zurückzuführen, dass sie bedingt durch die Hörschädigung keine Lautsprache über das Ohr erfahren. Daher können die meisten Gehörlosen beim (Erlernen von) Lesen und Schreiben nicht auf Lautsprache zurückgreifen, welche im direkten Zusammenhang mit der schriftsprachlichen Repräsentation steht – folglich treten beim Verstehen einzelner Wörter, Sätze und Texte Schwierigkeiten auf. Die an die Lautsprache gebundene Erfahrung fehlt bei Gehörlosen, so dass Schriftsprache für sie eine völlig neue, fremde Sprache darstellt, die sie – oft auf mühsamem Weg – erlernen müssen. Ein weiteres Problem ist, dass Gehörlose aufgrund von mangelnden Möglichkeiten der Verschriftlichung von Gebärdensprache beim Lesen und Schreiben nicht auf ihre Erstsprache (die Gebärdensprache) zurückgreifen können – die GebärdenSchrift bietet ein gutes Mittel um dieses Problem zu beheben.


Ist GebärdenSchrift für Gehörlose ein Ersatz für die deutsche Schriftsprache?

Nein – die deutsche Schriftsprache ist unabdingbar für die Integration von Gehörlosen in der Gesellschaft, so dass die GebärdenSchrift keinesfalls als Ersatz der Schriftsprache zu verstehen ist. Vielmehr ist die GebärdenSchrift eine große Hilfe und Unterstützung beim Erlernen der deutschen Schriftsprache, womit zunächst ein Bewusstsein über den Aufbau und die Verwendung der Gebärdensprache geschaffen werden soll. Dieses Bewusstsein ist wiederum notwendig, um die Struktur und grammatikalischen Regeln der deutschen Sprache nachvollziehen zu können. Gehörlose erhalten durch die GebärdenSchrift die Möglichkeit, die Lautsprache auf Basis ihrer Alltagssprache, der Gebärdensprache, zu erwerben. Demzufolge stellt die GebärdenSchrift eine Art „Brücke“ zwischen Gebärdensprache und deutscher Schriftsprache dar.


Ist GebärdenSchrift schwer zu erlernen? Lohnt sich der Aufwand?

Im Allgemeinen lässt sich schwer eine Aussage darüber treffen, ob etwas leicht oder schwer zu erlernen ist, da dies immer von individuellen Bedingungen bzw. Voraussetzungen abhängig ist. Die GebärdenSchrift verwendet zur Darstellung einzelner Gebärden bildhafte Symbole, die Handformen, Bewegungen und verschiedene mimische Ausdrücke repräsentieren. Auf Grund der Bildhaftigkeit dieser Symbolik ist die GebärdenSchrift sehr gut nachvollziehbar – vor allem, wenn bereits Gebärdensprachkenntnisse vorhanden sind. Prinzipiell kann dann das Lesen der GebärdenSchrift sehr schnell erlernt werden. Nach unseren Erfahrungen können Gehörlose mit Gebärdensprach-Kompetenz Texte in GebärdenSchrift bereits nach wenigen Stunden Unterricht gut lesen. Das Schreiben der GebärdenSchrift ist schwieriger und mit mehr Lernaufwand verbunden als das Lesen. Lesen- und Schreiben-Lernen der GebärdenSchrift ist nach unserer Erfahrung vergleichbar mit dem Lesen- und Schreiben-Lernen der deutschen Schriftsprache für Hörende. Wir können auch aus der Erfahrung mit Deutschkursen für gehörlose Erwachsene und den Beobachtungen in den Kursgruppen beurteilen, wie hilfreich die GebärdenSchrift für die Entwicklung des Bewusstseins im Umgang mit zwei unterschiedlichen Sprachen ist. Dank der GebärdenSchrift können die Lernenden Strukturen wie z.B. den Satzaufbau beider Sprachen (Deutsch / DGS) besser voneinander trennen, sie miteinander vergleichen und daraus eigenständig Schlüsse ziehen, die sehr hilfreich für ihre Sprachentwicklung sind. Anders formuliert: Mit der GebärdenSchrift haben die Lernenden etwas „Festes“ in der Hand, an dem sie diverse Aspekte untersuchen und Erkenntnisse für ihren Sprachgebrauch entwickeln können. Inwieweit sie aber die Erkenntnisse auf ihren Umgang mit beiden Sprachen transferieren (können), scheint individuell unterschiedlich. In diesem Punkt sind wir noch am Anfang und müssen die Abschlusstests unserer aktuellen Schulungsserie abwarten.


Ist der Web 2.0 GebärdenSchrift-Editor ein „automatischer Übersetzer“ von Deutsch nach Deutscher Gebärdensprache (DGS) – und umgekehrt?

Nein – bisher kann der GebärdenSchrift-Editor nicht als „automatischer Übersetzer“ von DGS nach Deutsch bzw. Deutsch nach DGS genutzt werden. Der Editor ist vielmehr ein Werkzeug, das eine anschauliche Gegenüberstellung von DGS und geschriebenen Deutsch ermöglicht. Der Editor kann sowohl interaktiv im Unterricht, als auch zur Anfertigung von Unterrichtsmaterialien z.B. Vokabellisten genutzt werden. Wie jede andere Sprache ist die DGS eine vollwertige, eigenständige Sprache, die sich unter anderem in Grammatik und Syntax stark von Deutsch unterscheidet. Ein „automatischer Übersetzer“ von Deutsch nach DGS ist ebenso Zukunftsmusik, wie ein guter automatischer Übersetzer von Deutsch nach Englisch. Der GebärdenSchrift-Editor bietet Personen mit entsprechender DGS- und Deutsch-Kompetenz eine sehr gute Unterstützung beim Verschriftlichen von Gebärden/Worten oder sogar ganzer Texte.